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Ich über mich | Olympia 1972 |
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Texte |
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„AIDS
ist die Strafe Allahs für die Schwulen”,
hat mir Murat erläutert – er war vierzehn, und diese
scharfsichtige Analyse
hatte ihm sein Hodscha vermittelt, einer jener unsäglichen
langbärtigen
Gotteseiferer, der seine grenzenlose Dummheit nicht für sich
behielt, sondern
auch noch junge Menschen damit vergiftete, die zu ihm gekommen waren,
um sich
den Weg weisen zu lassen. Aber auf diesem Wegweiser stand nicht
„Paradies“,
sondern „Intoleranz und Hass“ – keine
guten Ratgeber für die, die nach dem Weg suchen…
Ich glaube, Thomas hat seinem Leben selbst
ein Ende gesetzt, als er spürte, wie die Krankheit begann ihn
aufzufressen, als
der Schmerz vor der Tür stand und Einlass verlangte. Ich glaube,
er wollte
aufrecht sterben.
Er hatte die Menschen, die ihn kannten, in zwei Gruppen eingeteilt: Die, die „es“ wissen, und die anderen. Ein Jahr vor seinem Tod hat er es mir gesagt. Er war zu Besuch gekommen, aus Berlin, und wie er da so vor mir stand, sagte ich: „Du siehst gut aus!“ – wie man das halt sagt zu einem, den man länger nicht gesehen hat. Er nickte und er war ganz ruhig, als er antwortete: „Ja, und dabei bin ich schwer krank…“ Ich begriff zuerst nicht – und dann kam das Erschrecken. „Du bist doch nicht … positiv?“ „Nein“, sagte er, und in ihm war immer noch diese beängstigende Ruhe, „nein, ich habe AIDS.” Ich stand da und mein Kopf war leer. Aufgenommen in den Kreis jener, die „es“ wissen, habe ich ihn stumm in den Arm genommen – und mich anschließend verkrochen.
Feige verkrochen. Wenn ich in
Berlin war, habe ich ihn nicht besucht – immer fand ich Ausreden: Keine
Zeit,
der Kongress, die Sitzung, mein Flugzeug, du verstehst… Dabei wusste
ich doch,
dass man „es“ nicht einfach so bekommt, dass
man
sich nicht ansteckt, wenn man ganz normalen alltäglichen Umgang mit
einem AIDS-Kranken hat. Ich wusste doch, dass man ihn
in den Arm nehmen könnte und müsste, dass man seine Hand
halten kann, wenn er
Angst hat und ein Bier mit ihm trinken kann, wenn er Lust darauf hat.
Ich
wusste es, und ich habe es nicht getan – das eine wie das andere nicht.
Und
jedes Mal, wenn ich ihn hätte besuchen können und es wieder
nicht getan habe,
wieder nur ein paar belanglose Worte durchs Telefon schickte, allen
ernsthaften
Gesprächen ausweichend, die Auseinandersetzung mit dem Tod, mit
dem Leiden von
mir wegschiebend, da fand ich mich erbärmlich, wenn auch nicht so
erbärmlich
wie den, der in einem Internetforum auf die Nachricht, dass Bill Gates
eine
Milliarde für die AIDS-Forschung gespendet habe, so reagierte:
völlig
ueberbewerted
anstatt
saumäßig kohle für afrika
aids neger rauszuhauen sollte der seine
30 milliarden dollar stiftung lieber dafür verwenden wissenschaftliche pro- jekte auszugeben die auf dauer was bringen. gibt so viele intressante sa- chen die der richtig dick fördern könnte aber die paar hanseln die jeden tag an aids sterben sind ihm wichtiger. jeden tag sterben 150.000 menschen auf der welt, unabhängig davon ob durch krieg oder krankheit, das sind mal grad 2800 davon am tag durch aids, und der überwiegende großteil von 90% davon sowieso blos afrikaner mit der kohle kenn ich nen haufen sachen die man sinnvoller machen könnte. Vor
der Eiseskälte mancher Menschen versagt mir die Sprache… Ich habe mit Edgar darüber gesprochen.
Edgar
hat ähnliche Erfahrungen gemacht: Er hat seit fünfzehn Jahren
AIDS. Eigentlich
ist er schon lange tot, aber er erlaubt dem Tod nicht ihn zu holen. Von
allen
Ärzten aufgegeben, hat er beschlossen noch nicht zu sterben. Mit
seinen paar
T-Helfer-Zellen, die das Virus ihm gelassen hat, erkämpft er sich
Tag für Tag
ein kleines Stück Leben.
Edgar hat von seinen Tagen im Kloster
erzählt, wo er Ruhe finden wollte, Kraft und Mut für den
täglichen Kampf, und
wo er ein Erlebnis hatte, das ihn, der für jede Stunde geschenkten
Lebens
dankbar ist, besonders berührte. Ein junger Klosterbruder hatte
ihn abends beim
gemeinsamen Gespräch unentwegt angesehen – so, wie man einen
Menschen ansieht,
den man näher, den man wirklich kennen lernen möchte... |